Fashion Industry

Muss nachhaltiger Fashionstyle teuer sein?

Ein Artikel von unserer Solostücke Autorin Nicole Mündelein.

Letzte Woche habe ich wieder ein Kompliment für meinen roten Lieblingsmantel bekommen. Das ist der Moment, indem ich oft erzähle, dass er fair und ohne Giftstoffe aus Bio-Baumwolle produziert wurde.  

Sozio-ökologisch-nachhaltig einkaufen? Das ist inzwischen kein Problem mehr. Schließlich gibt es viele nachhaltige Onlinestores, wie z.B. den Avocadostore**.  Außerdem verbreiten sich in vielen Städten, erst recht in Großstädten, hippe Stores, die zahlreiche nachhaltige Labels führen.

Lesedauer ca. 8 min

Und wie sieht‘s aus mit der ökonomischen Nachhaltigkeit für meinen kleinen Geldbeutel?

Wer hätte es gedacht, öko-faire Kleidung hat ihren Preis. Denn ökologisch nachhaltige Kleidung besteht aus teureren Rohstoffen (z.B. Bio-Baumwolle oder Lyocell) oder wird aufwändig recycelt. Und bei fair produzierter Kleidung wird den Arbeiternehmer:innen entlang der gesamten Lieferkette (welche sehr lang ist***) ein existenzsichernder Lohn gewährt****. Im Vergleich dazu zahlen Fast-Fashion Brands meist nur den gesetzlichen Mindestlohn. Dieser lag in Bangladesch im Jahr 2019 bei umgerechnet 80€ im Monat (!) für eine 48-60h-Woche *****. Diese Lohnhöhe ist nicht existenzsichernd: WageIndicator.org hat berechnet, dass in Bangladesch ein existenzsichernder Lohn bei einer erwachsenen Person, welche eine kleine Familie gegründet hat, umgerechnet bei etwa 130€ (in 2019) hätte liegen müssen***** * . Zu Zeiten von Corona erhielten viele Arbeiter:innen jedoch noch weniger oder zeitweise sogar gar keinen Lohn, da eine große Anzahl von Marken viele Aufträge stornierten***** **.

Mein Lieblingsmantel hätte in einem fast-fashion Store wahrscheinlich um die 80€ gekostet; gezahlt habe ich in dem öko-fairen Store allerdings 180€ (herabgesetzt von 250€). Und trotzdem bleibe ich dabei: Sogar dieser Kauf war für meinen kleinen Geldbeutel erschwinglich und ökonomisch-nachhaltig. Wie auch du nachhaltig und trotzdem günstig shoppen kannst, das erfährst du jetzt.

Kleidung im Shop

1. Die Mischung macht‘s: Wenn du weniger kaufst und eher second-hand Kleidung shoppst, kannst du dir ein hochwertiges und faires Kleidungsstück leisten

Second-Hand ist nicht nur Trend, sondern auch nachhaltiger als ein Neukauf und schont deinen Geldbeutel. Wenn du mehrheitlich secondhand kaufst, dann kannst du dir ab und zu auch mal ein teureres öko-faires Teil gönnen. Praktisch an ökofairen Artikeln: Die meisten nachhaltigen Labels setzen auf zeitlose Schnitte, damit du dein neues Lieblingsteil möglichst lange tragen kannst. Und mit etwas Glück bekommst du ein rabattiertes Kleidungsstück (z.B. wenn du dich in einen Newsletter einträgst).

2. Check vor dem Kauf: Kann das ein absolutes Lieblingsteil werden?

Kennst du das: Von deinen Lieblingsteilen fühlst du dich täglich magisch angezogen. Die anderen Kleidungsstücke liegen fast nur im Schrank herum. Dabei sind sie eigentlich noch absolut in Ordnung? Falls es dir so geht, dann bist du damit nicht allein: Laut einer Greenpeace-Umfrage (2015) tragen  die Deutschen durchschnittlich etwa 20% ihrer Kleidung nie. Auch die restlichen 80% würden durchschnittlich nur 4-7x getragen***** ***. Letzteres kann ich mir nur dadurch erklären, dass wir immer wieder zu denselben Teilen greifen und viele andere kaum tragen.

“Lieblingsstücke sind Teile, die ich gut mit der Kleidung kombinieren kann, die ich bereits besitze.”

D

eshalb habe ich vor einiger Zeit beschlossen, nur noch Lieblingsteile zu kaufen. Absolute Lieblingsteile. Das sind Teile, die ich auf meiner Kleidungs-Wishlist stehen habe (so eine Liste wirkt wahre Wunder: Meine spontanen Fehlkäufe haben sich deutlich reduziert). Lieblingsstücke sind Teile, die ich gut kombinieren kann mit der Kleidung, die ich bereits besitze. Kleidung, für die ich nicht erst abnehmen muss, sondern welche, in der ich mich direkt richtig wohlfühle. Dadurch schaue ich kritischer auf Kleidung, bevor ich sie kaufe und reduziere unnötige Kosten durch Fehlkäufe.

Außerdem habe ich viel ausgemistet. Mein Ziel ist es, dass mein Kleiderschrank nur noch aus ausgewählten Lieblingsteilen besteht. Auch wenn das Ziel noch nicht erreicht ist, kann ich jetzt schon sagen: Weniger Teile zu besitzen und vorwiegend kombinierbare Lieblingsteile zur Auswahl zu haben, entspannt meine morgendliche Ankleidesituation ungemein. Mein Fokus auf wohlüberlegte Lieblingsteile schont nicht nur meinen Geldbeutel, sondern auch meine Nerven.

3. Den eigenen Kleiderschrank shoppen: Wenn du dich nach „was Neuem“ sehnst, probier doch erstmal eine neue Kombi aus alten Kleidungsstücken aus!

Manchmal bin ich einfach gelangweilt von den immer gleichen Kombinationen, die ich trage: Zu diesem einen roten Shirt immer dieselben zwei Hosen usw. Eines Tages überkommt es mich dann. Die Sehnsucht nach „etwas Neuem“ wird zu groß. Immer häufiger schaffe ich es dann in solchen Momenten, dem Kaufdrang zu widerstehen. Und stattdessen fange ich dann an, sämtliche Kleidungsstücke aus dem Schrank zu nehmen und völlig neu zu kombinieren. Das ist erstmal etwas nervig, aber bei guter Musik hat es sich meistens in eine lustige one-women-Klamottenparty weiterentwickelt. Und schon oft habe ich an den Tagen danach festgestellt, dass sich eine neue Kombination anfühlt, als hätte ich ein völlig neues Kleidungsstück gekauft. Die Youtuberin Alyssa Beltempo hat mich dazu wesentlich inspiriert***** ****. Wenn du, wie ich, nicht schon mit einem Gefühl für Mode geboren wurdest, dann können Pinterest, Youtube & co dabei helfen, auf neue Ideen zu kommen. Suchanfragen wie „Tunika Outfits“ sind mir dann zwar etwas peinlich, aber hilfreich.

Letztendlich ist nachhaltiges Shoppen nicht teurer als Fast-Fashion Shoppen. Denn ein paar günstige Second-Hand Teile gleichen die teuren öko-sozialen Stücke in meinem Geldbeutel aus. Indem ich die teuren Lieblingsstücke sehr häufig trage, relativiert sich ihr Preis ebenfalls. Und am Nachhaltigsten lässt es sich sowieso im eigenen Kleiderschrank shoppen. Ich verfolge diesen Konsum-Ansatz seit einigen Jahren. Im Jahresdurchschnitt gebe ich heutzutage tatsächlich weniger Geld aus als früher, als ich nur fast-fashion gekauft habe.


Quellen (verlinkt)
Quellen (verlinkt)

* Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen

** Avocadostore

*** Die textile Lieferkette

**** Existenzsichernder Lohn

***** Monatslohn Bangladesch

***** * Wage Indicator

***** ** Zeitweise kein Lohn während Corona

***** *** Greenpeace-Umfrage 

***** **** Youtuberin Alyssa Beltempo